Hallo Tanja, schön von Dir zu lesen :o).
Ja, ich hab ein wunderschönes entspanntes Wochenende vor mir. Wir gehen nachher ein bisschen durch unsere Wohngegend und ich gucke mir an, was sich alles in den letzten zwei Wochen verändert hat. Ich war nämlich wieder in meiner Klinik und das hat mir sooo gut getan. Obwohl es diesmal eine geschlossene Abteilung war (das ließ sich wegen Arztwechsels nicht vermeiden), hat mir der Aufenthalt sehr viel gebracht. Ich habe mit einer Medikamentenumstellung begonnen und fühle mich viel wacher, als die letzten Jahre. Und angenehmen Schwung konnte ich auch mitnehmen, da ich eine wunderbare Bettnachbarin hatte, die mich sozusagen ganz liebevoll in den Hintern getreten hat, so dass ich sogar das erste Mal seit Jahren wieder in einer Boutique war. Es war eine sehr schöne Gemeinschaft, wir haben uns gegenseitig sehr gut getan.
Geschlossene Abteilung hört sich erst einmal sehr krass an, stimmts Tanja. Aber wir nicht so sehr Verwirrten konnten ja trotzdem ein und aus gehen, wie wir wollten. Nur, dass wir immer klingeln mussten, weil dann von den Schwestern eine Schleuse aus zwei Türen geöffnet werden musste.
Es war wieder eine ganz andere Erfahrung. Es liefen da den ganzen Tag zwei sehr verwirrte junge Männer durch die Flure und hämmerten teilweise gegen die Tür, weil sie raus wollten. Es war nicht leicht, damit umzugehen. Ich fühlte mich von denen auch teilweise beobachtet und abgecheckt. Besonders, wenn ich sehr ängstlich an ihnen vorbei ging. Machte aber die Erfahrung, dass sie mir leicht auswichen, wenn ich sehr selbstbewusst und sie ignorierend an ihnen vorbei ging.
Das war schon teilweise harter Tabak. Letztendlich unterhielt ich mich gestern mit einer Schwester und sie erklärte mir, auf mein Nachfragen, dass es keine 100 prozentige Sicherheit für uns Mitpatienten gibt. Daher entschloss ich mich sehr spontan, wieder nach Hause zu gehen.
Ich verstehe das nicht. Es kann doch nicht sein, dass gefährliche und nicht gefährliche Verwirrte zusammen auf einer Station sind. Und selbst der Oberarzt sagt, dass die Belegschaft erst handeln darf, wenn etwas passiert ist. Das heißt, erst dann wird der rote Knopf gedrückt und innerhalb von 2 Minuten ist die ganze Belegschaft der Klinik auf der Station. Dass dann die Polizei auch hinzukommt, ist ja selbstverständlich.
Dieses geringe Restrisiko hat mir gestern gereicht, um nicht mehr dort sein zu wollen.
Da es aber eine ganz tolle Klinik ist. Haben die Ärztin und die Schwestern mich verstanden und es war überhaupt kein Problem so doch recht Hals über Kopf abzureisen.
Ich hatte da mit einer sehr erfahrenen Schwester gesprochen. Sie arbeitet bestimmt schon 30 Jahre in einer Psychiatrie. Sie zeigte mir sehr deutlich, dass es wirklich für mich besser ist, zu gehen. Dafür musste ich sie einfach mehrmals dankbar drücken. Ich hatte mich schon vorher sehr gut mit ihr verstanden. Sie ist ein richtiger Spaßvogel.
Ja, und nun bin ich wieder zu Hause und das fühlt sich richtig schön an.
Meine Prioritäten, was die Zeiteinteilung betrifft, haben sich nun auch etwas verschoben. Ich werde nicht mehr den ganzen Tag nur auf der Couch sitzen und stricken. Nein, ich werde auch wieder in die Stadt gehen und bummeln. Außerdem endlich wieder ein paar Pflichten im Haushalt übernehmen. Und mal sehn, was ich noch so für Ideen für meine Freizeit habe. Du Tanja, ich merke endlich wieder, dass ich lebe. Dafür bin ich so dankbar.
Aber ein Strickprojekt habe ich totzdem noch auf den Kisten an meiner Couchecke liegen - eine Fischermütze für meinen Kleinen. Die sind doch jetzt bei den jungen Leuten sowas von in. Darauf freue ich mich schon, denn ihm standen schon als Kind die verrücktesten Mützen.
Liebe Tanja, ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und bin schon gespannt, wie die tollen blauen Stulpen aussehen werden.
Hallo liebe Ina, es tut richtig gut auch mal etwas positives über einen Klinikaufenthalt zu lesen und ich finde, du hast das alles großartig gemeistert. Aus deinen Gedanken geht hervor, dass du dich dort wohlgefühlt hast bis auf die beiden aggressiven Typen dort und das ist eigentlich die Hauptsache. So sollen psychiatrische Kliniken sein. Ein Erholungs- und ein sicherer Ort für die Leute, die draußen nicht klarkommen. Dass es dabei die letzte Restsicherheit nicht gibt, ist nicht gut, aber wohl wirklich nicht zu ändern, obwohl ich denke, dass man diese beiden vielleicht doch mehr hätte isolieren sollen. Aber ich habe zuwenig Ahnung, um das wirklich beurteilen zu können. Und toll finde ich auch, dass Du so nette Mitpatientinnen dort gefunden hast, die dir gut taten. Und wie du das mit Viola hinbekommen hast, Chapeau! Aber ich denke auch mit Deiner Abreise hast du alles richtig gemacht. Nimm dir die Zeit in der Klinik immer, wenn du sie brauchst und wenn es dir wieder besser geht, gehst du nach Hause. Im übrigen finde ich es auch spannend etwas über den Klinikalltag zu erfahren. Ich habe nur die Erfahrung von vor über 30 Jahren, als meine Freundin und Mitbewohnerin mal für 3 Monate in einer Klinik war und ich sie jeden Tag besucht habe. Sie hatte auch eine Psychose und war auf einer geschlossenen Station. Inzwischen ist sie wieder in Ordnung, aber was ich damals dort gelernt habe, war, dass viele Menschen dort normaler waren als die draußen. Und das war für mich eine sehr interessante Erfahrung. So, meine Liebe, grüß Tanja unbekannterweise von mir und lebe Dich wieder gut zuhause ein.
AntwortenLöschenliebe Grüsse
Brigitte die Weserkrabbe